Mit Feldenkrais zu besserem Tai Chi

Mit Feldenkrais zu besserem Tai Chi

ein Brief von Ingrid Göttert, Tai Chi for Health Instructor bei Dr. Paul Lam, Sydney

Lange Zeit war Feldenkrais für mich uninteressant. Wenn ich Menschen sah, die dies praktizierten, dachte ich: „Oh, wie langweilig! Keine Performance mit anmutigen und intelligenten künstlerischen Bewegungen!“

Diese Einstellung hat sich total geändert, als ich vor einigen Jahren einen Vortrag über Feldenkrais hörte, den Alfons Grabher in Bregenz gehalten hat, wonach ich anschließend Privatstunden bei ihm nahm. Dass Asiaten auf hartem Boden schlafen können, weil sie im Inneren ihres Körpers weich sind, hat mich in seinem Vortrag hellhörig gemacht. Der Körper ist das Instrument, an dem Veränderungen hervorgerufen werden können. Und was wäre besser für die Körperkunst des Tai Chi als innen weich zu werden?! Denn das Weiche besiegt das Harte. Die Zunge ist weich und hält ein Leben lang, die Zähne sind hart und müssen mehr oder weniger immer wieder repariert werden.

Im Studium und Praktizieren des Chen Stils, 36 Formen, hatte ich Probleme bei den „Waving Hands Like Clouds“ [Wolkenhände], da dieser Stil einen kreuzweisen Seitschritt verlangt, rechter Fuß nach links hinter dem linken Fuß. Dazu braucht man natürlich die Hüftgelenke, worüber wir im Tai Chi kaum sprechen. So waren diese Bewegungen eine Zeit lang bei mir ein wenig kantig und verursachten auch hin und wieder Schmerzen. Die Lösung des Problems zeigte sich  nach den Feldenkrais Stunden bei Lehrer Alfons Grabher. Seither erfreue ich mich immer wieder an meinen sanften und geschmeidigen über Kreuz Schritten im Chen 36, die nun wohl tun statt weh tun.

Weitere Entdeckungen des effektiven Einflusses von Feldenkrais auf Tai Chi folgten. Nicht nur das Fühlen des Qi und das Zusammenwirken aller Glieder in einer Einheit sind  es, was Tai Chi so interessant macht, sondern das innere Gewahrwerden, wie  Skelett und Muskel innen agieren. Der breite ausladende Seitschritt des Chen bietet beispielsweise Gelegenheit, das Training der „Buttocks“, Po Muskel, zu integrieren: Einen Fuß auf einer Kreislinie nach vorne elegant an den anderen heranziehen und dann unter weiterem Rühren mit dem Hüftgelenk einen weit ausladenden Seitschritt machen. Der Rücken wird dankbar sein.

Und ich habe auch festgestellt, dass ich in der letzten Zeit größer geworden bin. Kann jetzt mit Leichtigkeit die Duschmatte zum Trocknen an die obere Stange der Dusche hängen.

Herzlichen Dank, lieber Alfons!
Hard, am 28.09.2014